[cohabitation]
# 106
Von hier aus kann ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in drei Wohnungen gucken, vier, wenn ich den Hals ganz weit vor und nach rechts strecke.
Genau auf Augenhöhe: Eine Zweizimmerwohnung, in jedem Fenster steht eine fensterhohe Pflanze, die fast den Blick in die Wohnung versperrt, zwischen fetten Blättern durch kann ich an den Wänden groß aufgezogene Fotografien in schwarzen Rahmen sehen. In dieser Wohnung ist nie jemand zu Hause.
In der Wohnung drüber ist gerade das Licht ausgegangen. Wenn es an wäre, würde es bernsteinfarben nach draußen scheinen, sie haben keine Deckenbeleuchtung, stattdessen in jeder Ecke Stehlampen aus Reispapier. In einem Zimmer geht ein Bücherregal bis an die Decke, im Fenster steht seit Wochen ein verwelkender Blumenstrauß. Im Zimmer daneben: Geordnetes Chaos, ein Klavier in der Ecke. Sie sind oft zu Hause, ein untersetzter Mann mit Pfeifenreinigerlocken und Brille und eine größere Frau mit Pagenschnitt. Sie laufen zwischen den Zimmer hin- und her. Heute haben sie Wein getrunken.
In der Dachgeschosswohnung: freiliegende Balken, kahlweiße Wände. Hier wohnt ein Mann, manchmal guckt er lange aus dem Fenster auf die Straße. Ich glaube, er ist einsam.
Aus der Wohnung ganz rechts flackert jeden Abend blau der Fernseher. Das Licht ist nie an.
Wenn sie jetzt rübergucken würden, würden sie dann denken, dass ich starre? Würden sie sich beobachtet fühlen oder so wie ich, der das Gucken nicht mehr auffällt, die beiläufig registriert wie die Menschen da drüben Abends leben? Wenn sie jetzt gucken würden, dann würden sie mich also sehen, vielleicht erkennen, dass ich gerade einen Haarreif trage und einen grauen Pullover, dass ich am Computer sitze. Sie würden eine Orchidee im Fenster sehen und mein Bett am anderen Ende des Raums. Wie mein Leben wohl durch ihre Augen aussieht?
Genau auf Augenhöhe: Eine Zweizimmerwohnung, in jedem Fenster steht eine fensterhohe Pflanze, die fast den Blick in die Wohnung versperrt, zwischen fetten Blättern durch kann ich an den Wänden groß aufgezogene Fotografien in schwarzen Rahmen sehen. In dieser Wohnung ist nie jemand zu Hause.
In der Wohnung drüber ist gerade das Licht ausgegangen. Wenn es an wäre, würde es bernsteinfarben nach draußen scheinen, sie haben keine Deckenbeleuchtung, stattdessen in jeder Ecke Stehlampen aus Reispapier. In einem Zimmer geht ein Bücherregal bis an die Decke, im Fenster steht seit Wochen ein verwelkender Blumenstrauß. Im Zimmer daneben: Geordnetes Chaos, ein Klavier in der Ecke. Sie sind oft zu Hause, ein untersetzter Mann mit Pfeifenreinigerlocken und Brille und eine größere Frau mit Pagenschnitt. Sie laufen zwischen den Zimmer hin- und her. Heute haben sie Wein getrunken.
In der Dachgeschosswohnung: freiliegende Balken, kahlweiße Wände. Hier wohnt ein Mann, manchmal guckt er lange aus dem Fenster auf die Straße. Ich glaube, er ist einsam.
Aus der Wohnung ganz rechts flackert jeden Abend blau der Fernseher. Das Licht ist nie an.
Wenn sie jetzt rübergucken würden, würden sie dann denken, dass ich starre? Würden sie sich beobachtet fühlen oder so wie ich, der das Gucken nicht mehr auffällt, die beiläufig registriert wie die Menschen da drüben Abends leben? Wenn sie jetzt gucken würden, dann würden sie mich also sehen, vielleicht erkennen, dass ich gerade einen Haarreif trage und einen grauen Pullover, dass ich am Computer sitze. Sie würden eine Orchidee im Fenster sehen und mein Bett am anderen Ende des Raums. Wie mein Leben wohl durch ihre Augen aussieht?
miss m. - 16. Okt, 23:23
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