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# 406

Ich schreie nicht. Das ist nicht, wie sagt man, meine Natur. Heute bin ich dann doch mal laut geworden. Ich: Krankenhaus. Taxifahrer: Welches? Ich: INS NÄCHSTE VERDAMMTESCHEISSENOCHMAL.

Kurz vorher in der U-Bahn nach meiner Tasche runtergebeugt und beim aufrichten: Schmerz. Unerträglicher Schmerz. Stehen, laufen, sitzen, nichts geht mehr. Hexenschuss? Bandscheibe? Wirbelsäule? Scheißescheißescheiße. Als mich der Arzthelfer in der Notaufnahme unter die Achseln greift, so sanft wie es eben geht bei jemandem, der sich nicht bewegen will, weil jede Bewegung so unendlich weh tut, und mich in einen Rollstuhl setzt, fange ich an zu heulen. Muss heulen. Vor Schmerz. Vor Hilflosigkeit. Vor Panik. In meinen Schuhen wackele ich die ganze Zeit mit den Zehen. Und finde mich dabei irgendwie peinlich, weil es so übertrieben wirkt.

Sie schaffen es, mich auf einer Liege auf den Bauch zu drehen. Der Arzt tastet und drückt: Tut das weh? Tut es hier weh? Und hier? Er sieht wie mein Rotz auf die Liege läuft. Er sieht, wo ich tätowiert bin und dass es eine schlecht gemachte Tätowierung ist. Er sieht, dass ich vor kurzem auf der Sonnenbank war und riecht die Creme, mit der ich mich morgens eingerieben habe. Er spürt, wie sich meine Muskeln zusammenziehen, als er mir die Spritzen in den Rücken drückt. Wie einem jemand so nah sein kann, den man nicht kennt, denke ich und fange gleich wieder an zu heulen, weil ich mich so ungeschützt fühle. Und vor lauter Dankbarkeit, das der Schmerz endlich, endlich weniger wird.

„Nervenblockade,” sagt der Arzt und als er mir die Schmerzmittel gibt, schäme ich mich fast. Dafür, dass ich immer noch heule. Nicht für die Tätowierung. An die habe ich mich gewöhnt.

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# 375

„Ganz kurz ein anderes Thema: Soll ich mir die Haare wieder blond machen?”

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# 372

Und das Schönste überhaupt? Wenn von einer Sekunde auf die nächste alles wieder gut ist.

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# 367

Früher, etwa 5.–11. Klasse, gab es beim Einsteigen in den Bus eine präzise Abfolge, die zwar niemand je festgelegt hatte, aber die dennoch so wenig in Frage gestellt wurde wie, sagen wir: die Evolutionstheorie.

Zuerst stiegen die Mathe-Asse ein, immer zu zweit, um der peinlichen Situation zu entgehen, am Ende alleine dazusitzen. Sie belegten die Reihen eins bis sechs. Dann kamen die Mathe-Asse, die gleichzeitig auch Handballer, also ranghöher waren und es sich leisten konnten, auch mal alleine in den Bus zu steigen, denn anders als bei den Matheassen ohne Handballbonus würde sich schon jemand neben sie setzen. Dazwischen setzten sich die kleinen Punks mit Anarchie-A auf ihren Fjällräven-Rucksäcken, denen es scheißnochmalegal war, ob jemand neben ihnen saß, lieber war es ihnen sogar, wenn sie niemand beim Alleinsein störte. Dann kamen die Mädchencliquen, je hübscher, umso näher saßen sie in Nähe der letzten Sitzreihe, auch immer zu zweit, damit sie sich die Hörer von ihren Walkmans, dann Discmans, teilen konnten. Es lief The Cure. Immer. Und schließlich: die Skater und Sprayer und ihre Freundinnen, die nie zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt in den Bus einsteigen mussten, weil die letzte Sitzreihe sowieso für sie reserviert sein würde, von wo aus sie Apfelbutzen in die Reihen eins bis sechs werfen und den hübschen Mädchen an den Haaren ziehen konnten. Die letzte Reihe – in Stader Stadtbussen und auf jeder Klassenfahrt in den Harz der Platz der Könige.

Zu meinem Rang in dieser Sitzordnung nur so viel: Ich war in der Schach-AG. Und setze mich heute mit irritierender Zielstrebigkeit auf jeder Busfahrt in die letzte Reihe.

Vielleicht fahre ich deshalb lieber U-Bahn.

Seufz.

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# 360

At first it's like this: Surprise! Tiny bubbles bursting in your bloodstream. After which comes this: You're on the hook. Just a matter of time now before you're pulled up on land.
Then: Suspension. You wait. You wait. You get uncertain. Did that really happen? Will it happen again?
When it does: You go there. You let your guard down. It's too sweet a promise not to.
And then: You lose.

Again.

Shit!

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# 355

And can I just say: I'm happy right now. Can I?

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# 354

Manchmal rede ich wie die Bücher, die ich gerade lese. Zum Beispiel: Ich gestern auf die Frage, wie es mir geht: Ich denke, es geht mir gut. „Ich denke”? Himmel! Wer redet so? Ich jedenfalls nicht. Aber der Mann in dem Buch das ich gerade lese. Seine Sätze klingen, als würde er während des Redens noch über den Inhalt des Geredeten nachgrübeln. Gute Sätze. Die nach Ordnung und Aufgeräumtheit klingen. Die im Rahmen des Buches funktionieren, bei mir aber nicht ins Bild passen. Weshalb ich dann klinge wie jemand der bei Kerner in der Sendung sitzt: Ich denke, es geht mir gut.

Aber wenn ich aus dem Kino komme, denke ich ja auch immer, ich habe genau den gleichen Gang, Augenaufschlag, Witz wie KateWinsletJuliaRobertsNaomiWatts.

Ach so: Das Buch heißt „Dieses Buch wird Ihr Leben retten”. Ist von A.M. Homes. Und sollte dringend gelesen werden.

[a work in progress]

# 348

Es war wie immer. Opa hat mehr geredet als zugehört. Oma hat gesagt, dass Opa seine fortschreitende Taubheit nur vortäuscht, um bestimmte Dinge nicht hören zu müssen. Zum Beispiel alles was sie sagt. Papa hat sich darüber königlich amüsiert. Mama hat mit den Augen gerollt. Nachmittags haben wir die Disney Weihnachtshow geguckt. Onkel Søren hat niemandem gesagt, wann er ankommt. Also haben alle gewettet, wann er ankommt. Oma hat gewonnen: Zur Vorspeise. Zur Vorspeise: Lachs. Dann Truthahn. Dann ris à la mande. Alles schmeckte gut. Alle haben zu viel gegessen. Nur Onkel Søren nicht, der vom ris à la mande gerne Nachschlag gehabt hätte. Es gab kein ris à la mande mehr. Wir haben sechs Weihnachtslieder gesungen. Opa und Flemming haben sich Weihnachtsmannmützen aufgesetzt. Opa hat die Namen auf den Geschenken vorgelesen. Flemming hat die Geschenke verteilt. Um 12 lagen alle im Bett. Am 1. Feiertag haben wir drei Stunden zu Mittag gegessen und waren danach müde vom Aquavit. Abends haben wir Spiele gespielt. Am 2. Feiertag waren Papa, Flemming, Opa und Onkel im Kino. Opa hat sich über den Popcorngeruch beschwehrt. Am 3. Tag sind Oma und Opa wieder gefahren. Am 4. Tag haben wir die Uroma besucht. Am 5. Tag hatte ich vor lauter Essen ein schlechtes Gewissen und bin am Strand laufen gegangen. Nach 20 Minuten war ich aus der Puste. Am 6. Tag hatte ich netto zwei Tage auf dem Sofa verpennt. Am 7. Tag sind wir wieder gefahren. Nächstes Jahr wird es wieder so sein. Irgendwie beruhigend.

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Es passte dann doch ganz gut zum Rest des Jahres, dass ich in der Sylvesternacht um 12:10 Uhr mit mörderischen Kopfschmerzen im Bett lag während draußen Raketen in die Nacht gejagt wurden.

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Und am nächsten, an einem verregneten, verkaterten Morgen bin ich dann trotzdem mit dem Neuanfangsgefühl aufgewacht. Wie jedes Jahr. Das Herz flattert wie ein Kolibri vor lauter Aufregung, was man in diesem Jahr alles SCHAFFEN wird. Was alles möglich ist. Diesmal wird alles ganz anders. Jawoll! Ein schönes Gefühl. Ein gemeines Gefühl. Hätte man es nicht, würde einem die eine oder andere Enttäuschung erspart bleiben. Man weiß das. Aber wehren kann man sich dagegen trotzdem nicht.

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Keine guten Vorsätze. Stattdessen: Ab sofort Horoskope lesen. Saturn hat mir, so lese ich, einige Versprechungen zu halten.

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Ist es eigentlich zu spät für 2006er Listen?

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Wurscht.

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[in Anlehung an meine Lieblingsrubrik im Magazin]

Was ich mochte:
Schreiben. Dieses Ding hier schreiben. Menschen kennen lernen, die ich ohne dieses Ding nie kennen gelernt hätte. Leute wiedertreffen, die ich zuletzt vor sechs bis acht Jahren gesehen habe und merken, dass uns immer noch etwas verbindet. Besuch bekommen. Einziehen. Die Birke vor meinem Schlafzimmerfenster. Schlafen. Morgens mit dem Gefühl aufwachen, dass die Probleme des vorabends plötzlich viel kleiner sind. Ohne Buch nicht mehr einschlafen zu können. Endlich F. Scott Fitzgerald großartig finden und nicht weil man den eben großartig finden muss. J.R. Moehringer entdecken – wow! Die unerhört gute Michèle Roten. Cat Power. Scissor Sisters. Jungsbands. Flickr. Robin Williams auf youtube. Mit der Werner Robin Williams auf youtube gucken. Sowieso: youtube. Sowieso: Mademoiselle Werner. Et tous les autres girls, J. und nochmal J. und O. und M. und F. und C. Tante sein. Fußball. Den Fußballsommer. Martini-Werbung mit George Clooney. Grey's Anatomy mit Dr. Derek. Mädchen sein und Kleider tragen. Lindsay Lohan, echt jetzt. Stolichnaya Vodka. Faule Tage in der Aroma Bar. Abende im Hey Luigi. Meine kurzen Haare. Mich (zu selten). Den einen kennen lernen. Pläne machen. Mehr verstanden zu haben als nicht verstanden zu haben. Von Aaron am letzten Tag des Jahres von einem Parkplatz vor McDonalds angerufen werden. München, dann doch.

Was ich nicht mochte:
Schreiben. Selbstzerfleischung. Eigentlich ein und dasselbe. Ausziehen. Keine WG mehr sein. Verschlafen. Gelähmt sein. Warten und nicht wissen worauf. Warten und genau wissen worauf. Selbstenttäuschung. Die unvermeidbare Michèle Roten. F. Scott Fitzgerald – weil man einsehen muss, dass man nie so gut sein wird wie er. Scissor Sisters auf Radio Arabella. Schweinchen-Werbung mit Harald Schmidt. Sowieso: Harald Schmidt. Youtube – the death of work. Grey's Anatomy verpassen. Zugeben zu müssen, dass man es nicht mag, Grey's Anatomy zu verpassen. Vodkakater. Nicht genügend faule Tage in der Aroma Bar. Post-Its. Ablagen. Ungeöffnete Rechnungen. Unerledigtes. Streit mit Menschen, mit denen man nicht streiten will. Dass es der eine dann doch nicht sein konnte. Das Gefühl, nichts gelernt zu haben. Meine Haare. Mich (zu oft). Pläne nicht umzusetzen.

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Chile. Im März. Echt jetzt.

[a work in progress]

# 344

Dinge die in mir etwa das gleiche Gefühl auszulösen, wie vor rund 40 Leuten etwas vorzulesen über das möglicherweise keiner dieser 40 Leute lachen könnte.

1. Wenn ich meine Internet-Rechnung aufgrund eines Ladefehlers nicht abrufen kann, ein Ladefehler der sich immer nur bei dieser bestimmten Seite einstellt. Das passiert mit schrecklicher Regelmäßigkeit – jeden Monat am 11. wenn die Rechnung online gestellt wird – und seit ungefähr einem Jahr. Vor ungefähr einem Jahr hatte ich nämlich mal eine Internetrechung über 500 Euro. Ich kann bis heute nicht erklären wie das passieren konnte. Naja, könnte ich schon. Aber nicht im Internet.

2. Drei „Anrufe in Abwesenheit” von meiner Mama: erst im Büro, dann auf dem Handy, fünf Minuten später noch mal auf dem Handy. Ich: Ohgottmeinvateristvombaugerüstgefallenundhatsichbeidebeinegebrochen. Mama: Ich wollte dir nur sagen, dass mein Zug zehn Minuten Verspätung hat.

3. Wenn ich über einen Witz lache ohne ihn verstanden zu haben, der Erzähler des Witzes genau weiß, dass ich den Witz nicht verstanden habe und DANN auch noch sagt, wie nett er es findet, dass ich trotzdem lache.

4. An der Kasse bei Rewe mit einem Einkauf in der Höhe von, lassen wir es: 54,33 sein, zu bemerken, dass ich meine EC-Karte vergessen habe, leider auch kein Bargeld in der Tasche ist, ich der Kassiererin meine Kreditkarte rüberschiebe, die Kassiererin sagt, dass bei Rewe keine Kreditkarten akzeptiert werden, was ich natürlich weiß, aber trotzdem Entrüstung vortäusche und unter den bösen Blicken der 10 Leute in der Schlange hinter mir schnell genug flüchte, um nicht mehr mitzubekommen wie die Kassiererin Waren im Wert von, sagen wir: 54,33, EINZELN stornieren muss.

5. Als ich, da wohnte ich noch mit fünf anderen Leuten in einem sehr, sehr hellhörigen Haus zusammen, über Kopfhörer auf voller Lautstärke ein Lied von Alanis Morrisette hörte. Und stumm mitsang. Und die Tür aufging. Und ich nichts davon merkte. Und meine Mitbewohnerin mir etwa eine halbe Minute beim Mitsingen (okay: und Tanzen) zusah, ohne, dass ich etwas davon mitbekam. Es können auch fünf Minuten gewesen sein. Wenn es fünf Minuten waren, dann bin ich ihr sehr dankbar, dass sie's mir nie gesagt hat. Und mich nicht auslachte, als ich schließlich bemerkte, dass mir jemand dabei zusah als ich so tat, als würde ich vor 10,000 Leuten auftreten.

[a work in progress]

# 315

2:04. I worry. I worry that I can't sleep. I can't sleep, because I worry about not sleeping and it's 2:06 now and this another night wherein all my good intentions of being asleep by 11 at the latest have wronged me. 2:06 and tomorrow morning I'll hear the alarm, I'll turn the alarm off, I'll roll over, back under. The sheets. So hard to get up from under in the morning. The alarm will go off again, I'll turn it off again, pointless now to get up when I haven't gotten up on time in the first place. Might as well be real late. But can't. Not tomorrow. Can't. So much to do. 2:07. So why think about all that's to do tomorrow now instead of tomorrow? But it's no use. I'm up now. Might as well have another smoke. Might as well read a little while longer. What difference does another half hour make now that I can't sleep anyway? 2:11 This is so dumb. Dumb, dumb, dumb. 2:12 I should write Paul sometime. Tomorrow. I'll do that tomorrow. And Tasha, too. And Callie. Have I always been this crap at keeping in touch? With anyone? When did this start? School maybe? When, after I'd gotten it together enough to – finally! – write an e-mail to someone and feel like I'd accomplished something only for them to write right back, I'd be almost disappointed at them for writing right back. Because now I had to write them again. It seemed like such effort. Too much effort typing down even now much effort it seemed. 2:14 This is tiring. Think of the phonecalls I have to make, three before the 10 o'clock meeting. Tomorrow it'll happen. Tomorrow: A good day! From tomorrow onwards: No more sleeping in, sleeping late, no more dragging along. Plan that I'll get up in precisely four and a half hours. Because if I get up in precisely four and a half hours, tomorrow will be a good day. Tomorrow, tomorrow. Wasn't that a song in Cats? No: West Side Story. Plan what I'll wear. A good outfit. A great outfit! That I'll shower. Shave legs. Good make-up tomorrow. Slap the happy paint on. If only I'll get up in time it'll be a good day. It'll somehow not be a disappointment. I'll somehow not be a disappointment to myself. But it's no use. Not when I'm still up at 2:18. I do this. I do this year after year, night after night. Out of sync with myself. Not on schedule. And I still do it even when I haven't done it, almost as if in mistake, when I've lapsed and liked the unexpected precision with which I could work after all. But enough now. Enough. I'm finally tired.

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