[cohabitation]
Es gibt keine gute Erklärung dafür, warum wir damit anfingen, aber im Sommer 1999 gingen mein Nachbar Kevin und ich jeden Samstag in die Drogerie am Ende unserer Straße. Erst Drogerie, dann zwei Kaffee und Rühreibagel bei Dunkin' Donuts, das war unser Ritual in einem Sommer in dem ansonsten nichts planbar war. Kevins Lieblingsbeschäftigung: In der Drogerie mindestens ein Kinderspielzeug oder einen anderen unbrauchbaren Gegenstand zu kaufen. Zum Beispiel ein Paar Plastikhandschellen, in denen er mich unter (seinem) lauten Gejohle abführte. 20 Tüten Plastikhalter für Geburtstagskuchenkerzen. Und einmal Luftballons aus denen man Tiere knoten kann. Wenn man kann. Und Kevin war besessen davon, Tiere aus Luftballons knoten zu können. Er schloss sich in seinem Zimmer ein, niemand durfte ihn stören. Sein Mitbewohner und ich saßen vorm Fernseher als Kevin schließlich wieder aus seinem Zimmer kam. Auf seinem Kopf saß was er vermutlich für eine gelungene Luftballonversion eines Papageien hielt, in seinen Händen hielt er noch zwei dieser Tierhüte. Er zwang uns, sie aufzusetzen. Einen ganzen Nachmittag lang. Wir blieben vor dem Fernseher sitzen und gingen nicht, wie Kevin es wünschte, damit spazieren. Beim Zappen landeten wir schließlich bei einer Wiederholung von „The Crocodile Hunter” – Steve Irwin dabei zuzuschauen wie er auf Krokodile sprang war, nach Ausflügen in die Drogerie, Kevins zweite Lieblingsbeschäftigung – und natürlich fing er sofort an, mit Irwins Klischee-australischem Akzent unsere Tierhüte zu kommentieren: „OBSERVE the fierce animal. It's head weighs more than my BODY. It's fierce. It's deadly. One touch and WHACK you're gone. And NOW I will touch it... Crikey!”
Es ist eine meiner schönsten Erinnerungen an Kevin. Und an
Steve Irwin.
Immer in der Stunde zwischen halb elf und halb zwölf, vielleicht ein bisschen länger als halb zwölf, wenn ich gerade nach Hause gekommen bin, klopf ich an ihrer Tür und meistens liegt sie schon im Bett, Decke bis ans Kinn gezogen. Ich auf der Bettkante, im Mantel noch, sie unter der Decke, reden. In dieser einen Stunde findet unsere Freundschaft statt. Mehr als irgendwann sonst. Das werde ich wohl am meisten vermissen, wenn es irgendwann nicht mehr so ist. Es macht mich ruhig.
Dass hier über 90% Frauen und homosexuelle Männer arbeiten, erkennt man auch daran, dass beim Bezug der neuen Büroräume die Popcornmaschine zuerst ausgepackt wird, sogar noch vor dem Auspacken der Popcornmaschine gefragt wird, wo die doppelseitigen Klebestreifen sind, damit man die Bilder von Daniel – Kreisch! – Craig aufhängen kann, in der Küche die neuen - Kreisch! – „Light”-Chips von Pringles in einer Reihe aufgebaut und nach acht Stunden alle Flure nach Duftkerzen – Note: Vanille – riechen.
Telefon klingelt: J. aus dem sechsten Stock.
Ich: „Hallo. Was gibt's?"
J.: „Hi, ich brauch mal die Nummer von diesem Friseur."
Ich: „Warte, muss ich kurz googeln."
J.: „Was machst du gerade?"
Ich: „Schreibe ein E-Mail."
J.: „Immer wenn ich anrufe, schreibst du gerade ein E-mail. Oder du gehst nicht ran, weil du im Kino bist."
Ich: „Ha! Mal abgesehen davon, dass ich die Filmredakteurin bin und ins Kino MUSS, ist das ist eine glatte Lüge."
J.: „Du kümmerst dich nicht um mich."
Ich: „Ich hab ja auch zu tun."
J.: „Ach, und was?"
Ich: „Wenn ich nicht gerade die Telefonnummern von Friseuren für dich raussuchen muss? Arbeiten. Hier ist die Nummer…"
Zehn Minuten später, das Telefon klingelt: J.
Ich: „Kann grad nicht."
J.: „Nur ganz kurz: Hast du gerade die E-Mail gelesen? Im März finden die nächsten Betriebsratswahlen statt. Ich finde, wir lassen uns aufstellen."
Ich: „Ja, toll."
J.: „Morgen abend setzen wir uns zusammen und schreiben ein Konzept."
Ich: „Mhm."
J.: „Ein Pamphlet!"
Ich: „Aha."
J.: „Und weißt du, was wir als Erstes fordern? Weniger Kinobesuche, damit mehr Zeit bleibt, wichtige Mails zu schreiben."
J. legt auf.
Zwei Sekunden später, ich rufe J. an:
Ich: „Arsch!"
J.: „Selber. Ich habe einen Friseurtermin, Samstag um zehn."
Ich: „Soll ich's mir in meinen Kalender schreiben, damit du's nicht vergisst?"
J.: „Wirklich sehr witzig. Tschüss."
Ich: „Tschüss."
Halbe Stunde später: J. ruft an.
J.: „Gehst du mit mir Mittagessen?"
Ich: „Kann nicht. Muss ins Kino."
J.: „Arsch!"
So kann man sich stun-den-lang beschäftigen, stundenlang.
Die Mitbewohnerin, berüchtigste Raucherin unter der Sonne, hört einfach so von einem Tag auf den anderen auf, zu rauchen. Keinen Bock mehr, sagt sie. Wie ihr das gelingt, will ich wissen. Wird sie nicht wahnsinnig vor Sucht? Nö, meint sie, so lange sie nicht ans Rauchen denkt, vermisst sie es überhaupt nicht. Aha. Ich weiß nicht, ob diese Selbstbeherrschung mich neidisch machen oder mich inspirieren soll. Ich habe beschlossen: Inspirieren. Und werde jetzt auch, ganz bald, vielleicht nicht heute, aber bestimmt morgen, aufhören, na gut: weniger rauchen, nur damit ich's auch geschafft habe.
Von hier aus kann ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in drei Wohnungen gucken, vier, wenn ich den Hals ganz weit vor und nach rechts strecke.
Genau auf Augenhöhe: Eine Zweizimmerwohnung, in jedem Fenster steht eine fensterhohe Pflanze, die fast den Blick in die Wohnung versperrt, zwischen fetten Blättern durch kann ich an den Wänden groß aufgezogene Fotografien in schwarzen Rahmen sehen. In dieser Wohnung ist nie jemand zu Hause.
In der Wohnung drüber ist gerade das Licht ausgegangen. Wenn es an wäre, würde es bernsteinfarben nach draußen scheinen, sie haben keine Deckenbeleuchtung, stattdessen in jeder Ecke Stehlampen aus Reispapier. In einem Zimmer geht ein Bücherregal bis an die Decke, im Fenster steht seit Wochen ein verwelkender Blumenstrauß. Im Zimmer daneben: Geordnetes Chaos, ein Klavier in der Ecke. Sie sind oft zu Hause, ein untersetzter Mann mit Pfeifenreinigerlocken und Brille und eine größere Frau mit Pagenschnitt. Sie laufen zwischen den Zimmer hin- und her. Heute haben sie Wein getrunken.
In der Dachgeschosswohnung: freiliegende Balken, kahlweiße Wände. Hier wohnt ein Mann, manchmal guckt er lange aus dem Fenster auf die Straße. Ich glaube, er ist einsam.
Aus der Wohnung ganz rechts flackert jeden Abend blau der Fernseher. Das Licht ist nie an.
Wenn sie jetzt rübergucken würden, würden sie dann denken, dass ich starre? Würden sie sich beobachtet fühlen oder so wie ich, der das Gucken nicht mehr auffällt, die beiläufig registriert wie die Menschen da drüben Abends leben? Wenn sie jetzt gucken würden, dann würden sie mich also sehen, vielleicht erkennen, dass ich gerade einen Haarreif trage und einen grauen Pullover, dass ich am Computer sitze. Sie würden eine Orchidee im Fenster sehen und mein Bett am anderen Ende des Raums. Wie mein Leben wohl durch ihre Augen aussieht?
Mit der Mitbewohnerin, jede an ihrem Rechner, am großen Tisch sitzen, P&S rauchen, zustarken Kaffee trinken, Hohes C aus Trinktüten und lachen, wenn ihr Handy klingelt: Neuer Klingelton "Stadionapplaus". Gut geht das.
Immer noch verwundert darüber, dass ich noch mal mit jemandem zusammen gezogen bin, mit dem ich nicht zusammen bin. Drei Jahre nachdem ich zum letzten Mal mit den Fußsohlen am Küchenfußboden meiner 5er-WG festgeklebt bin (Was einen WGs lernen: Gleichmut). Auch verwundert darüber, wie einfach es gerade fällt, wie froh ich darum bin, wieder Dinge, die banalsten Dinge, mit jemandem teilen zu können. Zum Beispiel: Eine Familienpackung M&Ms. Zum Beispiel: Toilettenpapiereinkaufspflichten. Zum Beispiel: Den gleichen Weg ein Treppenhaus runter.
Ich teile mir wieder einen Raum. Eigentlich drei Räume. Aber noch halten wir unsere Territorien ein. Ich: Küche, Bad (wie ist DAS passiert?). Sie: Wohnzimmer, Technik. Wir leben immer noch getrennt von einander. Aus purer Höflichkeit. Wir testen, was wir hier genau so machen können wie vorher, in unseren eigenen Wohnungen. Manchmal gibt man sich geschlagen (Alpenvorlandkarte im Wohnzimmer), manchmal nicht (Nein, die Teelichterhalter kann man NICHT als Aschenbecher benutzen). Wir tapsen umeinander rum, vorsichtig noch. Halten uns mit unseren Eigenheiten zurück. Oder: Reißen uns zusammen. Die besten Momente sind die, in denen man etwas über den anderen heraus findet, dass man nicht wusste, nie erwartet hätte. Dass sie Norah Jones mag, darüber bin ich immer noch nicht weg.
Vorher hatte ich Angst. Nein, ich war einfach unruhig. Wann gehen wir uns zum ersten Mal so richtig auf die Nerven? Wann streiten wir zum ersten Mal? Und wer gewinnt? Ganz weg ist das nicht. Macht nichts. Es reicht schon jetzt hier zu sitzen, sie im Zimmer nebenan, den ganzen Abend aus keinem besonderen Grund nicht miteinander geredet. Es reicht zu wissen, dass wir das können. Und dass sie sich wohl genug fühlt, um nachts ihre Zimmertür nicht ganz zu schließen.
My roommate, she's a tough cookie. With a soft centre. And what I like best about her is that she doesn't always know that about herself.