[genealogy]
Vor 24 Jahren sind meine Eltern in das Haus gezogen in dem mein Bruder und ich aufgewachsen sind und in dem sie heute noch leben. Eine von etwa 20 Doppelhaushälften in einer straßenlangen Häuserzeile, 1939 als Neubaugebiet am Stadtrand angelegt, mittlerweile ist der Vorkriegsklinker in der Stadt aufgegangen, Mittelstandsanbindung, Familienverwurzelung. Nebenan lebt eine bei unserem Einzug schon ältere Dame, meine Eltern hatten ihre Hälfte auch in der Hoffnung gekauft, dass sie bald ausziehen würde. Sie blieb bis kurz vor Weihnachten. Sie ist mit uns durch die dünnen Wände zwischen den beiden Hälften aufgewachsen. Sie hat gehört, wie wir als Kinder mit Klotschen die Kellertreppe rauf- und runtergerannt sind, wie mein Bruder auf seinem Bobbycar endlose Runden um unseren Küchentisch gedreht hat, sie hat die Dean-Martin-CD, die meine Eltern immer gespielt haben, wenn Gäste zum Abendessen kamen, genauso oft gehört wie wir. Sie erkennt das Rumpeln der Waschmaschine in unserem Keller als ihr Alltagsgeräusch, das Knirschen der Dachbodentreppe, wenn ich Nachts nach Hause kam, wenn ich Morgens runter in die Küche ging, das Zuschlagen der Haustür, das Singen an Geburtstagen. Sie hat immer gesagt, dass sie unser Lärm nicht stören würde. Es wäre sogar schön für sie. Fast, als lebe sie wieder mit einer Familie zusammen. Wir haben sie nie gehört. An dem Tag kurz vor Weihnachten hat sie sich bei uns gemeldet. Zuerst konnten wir nicht verstehen, woher das Klopfen kam, ein so ungewohntes Geräusch, als würde ein Stummer zum ersten Mal sprechen. Sie war an der Treppe zum Keller zusammengebrochen und konnte sich nicht mehr bewegen: Schlaganfall. Klopfen konnte sie. Vielleicht weil sie wusste, dass sie jemand hören würde. Jetzt ist sie in einem Altersheim, meine Eltern haben ihre Hälfte dazugekauft, in ein paar Monaten wird der Durchbruch gemacht, jetzt entkernen sie das Haus, mein Vater hat schon in jedem Zimmer die alten Holzdielen weggestemmt. Unter einer der Dielen in ihrem Schlafzimmer lag ein Brief. Datiert 1942. Da lebte sie schon drei Jahre in ihrem neuen Haus, 27 Jahre alt, allein mit vier Kindern, der Mann im Krieg. Der Brief ist an ihn addressiert: „An meinen alles geliebten Ehemann.” Mehr kann man nicht entziffern, er ist auf altdeutsch geschrieben. Auch das ist schon zu viel. Respekt vor ihrem Privaten lässt nicht zu, dass man mehr liest. Gerade deshalb würde man natürlich doch gerne wissen, was drin steht. Was war ihr wichtig genug, es ihrem Mann zu schreiben? Hat sie von ihren Kindern erzählt? Von einem mehr, dem anderen weniger? Vom Essen? Wie sehr sie ihn vermisst? Sie hat ihn nie abgeschickt, den Brief, obwohl die Marke schon draufklebte, vielleicht ist er hinter ihre Kommode gefallen, zwischen zwei Dielen gerutscht und dort lag er, 64 Jahre lang, von Mäusen angefressen, von Zeit vergilbt, vergessen. Ihr Mann wurde 1943 nach Stalingrad geschickt. Er kam nicht wieder zurück.
Zu Hause hört die Zeit auf, sich nach vorne zu bewegen, sie dreht um. Jedes Gespräch kehrt zu dem zurück, was uns früher verbunden hat, wir erkennen uns nur in unseren Erinnerungen an einander. Eine Freundin erzählt, dass sich O. umgebracht hat, einer mit dem wir früher auf die Schule gingen, kaum ein Bekannter, nie ein Freund. Ich versuche, mich an ihn zu erinnern, ich sehe einen schlaksigen Jungen mit braunen Haaren, schlechter Haut, sobald ich in sein Gesicht sehe, entwischt es mir. Wie er wohl jetzt ausgesehen hat? Gleich, denke ich. Er war einer von denen, die so wenig auffielen, dass man Veränderungen nicht bemerkt hätte. Jeder kramt seine Erlebnisse mit ihm hervor. Wann man ihn das letzte Mal gesehen hat. Wie gut gelaunt er war, auf dem Weihnachtsball, allen Sekt ausgegeben, Pläne gemacht, damals vor drei Monaten. Wie er einen Sommer im Freiband mit roten Striemen am Rücken auftauchte: Er hatte versucht, sich die Haare dort selbst abzurasieren, autsch. Wie er in seiner Band hinterm Schlagzeug saß. War doch Schlagzeug, oder? Nein, Bass. Er hat Bass gespielt, da bin ich mir sicher.
Wir wissen wie er es getan hat. Wir wissen wann. Warum wissen wir nicht. Wir spekulieren. Wir wollen Gründe. Gründe machen es leichter, zwischen ihm und uns zu unterscheiden. Wir wollen sicher sein, dass uns das nicht auch passieren kann. Er wird keinen Aufschluss geben. Es gab keinen Brief.
„es war absolut abgefahren, einfach sooo geil. die foo fighters haben so 90 minuten gespielt, ich schick dir noch n paar videos die ich gemacht hab, man erkennt aber leider nicht soviel. die show war auf alle fälle total abgefahren und es war eine richtig geile stimmung. wir sind max. 10 m in den pulk reingekommen und ab da war dann schluss. konnten uns dann da nur hinstellen (war übrigens das letzte mal, dass ich h. gesehen habe bis zum ende des konzerts). licht aus und die foo fighters haben dann ziemlich direkt losgelegt. „in your honor” kam als erstes lied und es hat gleich richtig reingehaun auf die stimmung. wies halt los geht: CAN YOU HEAR ME?? jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa HEAR ME SCREAMING?? jaaaaaaaaaa ich bin mit der menge nach vorne geschwemmt worden, was ja auch das ziel war. alles mit springen und klatschen und mitsingen usw war dann alles gegeben und das blieb dann auch vorläufig soweit. als nächste lieder kamen dann „all my life” und „best of you”, wonoch ich dachte, dass meine stimme bald wohl den geist aufgeben würde, aber sie hat dann bis zum schluss durchgehalten. es kamen dann soweit alle bekannten, sowohl auch die älteren stücke („everlong”, „my hero”) und die show war dann einfach nur geil. der gute dave hat natürlich astrein mit dem publikum gespielt und war auch sonst ziemlich cool drauf. ansonsten gibts wohl noch anzumerken, dass einige mädels während des konzerts umgeklappt sind und das es auch einige schlägereien gab, wo wir jedoch nicht drin verwickelt waren. auf jeden fall, das geld für die karten hat sich gelohnt. fand ich jedenfalls.”
Nach meinem Opa hat die von ihm an mich weitervererbte Kombination kurze Beine/langer Oberkörper wenigstens einen Vorteil: „Wir sitzen beim Autofahren höher als alle anderen.”
Das letzte Mal haben wir uns vor etwa einem halben Jahr gesehen. Wenn ich zu Hause anrufe, reicht er den Hörer immer gleich an unsere Eltern weiter, als wäre er die Vermittlung, nicht mein Bruder der mir vielleicht etwas erzählen möchte. Seine E-Mails sind nie länger als drei Zeilen, beschränkt aufs Wesentliche: Schule: gut, Golf: gut, die Gesamtlage daher: gut. Aber: Ich bin auch nicht viel besser. Ich kann mir oft nicht vorstellen, dass ihn interessiert was ich mache, also erzähl ich es erst gar nicht.
Jetzt also eine Woche mit ihm bei den Großeltern, in der uns höchstens der Altersunterschied zu ihnen verbindet, mehr aber auch nicht. Wenn man sich ein halbes Jahr lang nicht gesehen hat, wird man nicht plötzlich den anderen in sein Leben einweihen. Bestimmt wird er auf meine Fragen genervt reagieren, bestimmt werde ich deshalb noch mehr fragen und blöde Witzchen machen. Bei ihm werde ich immer so mütterlich und ganz ätzend rechthablerisch. Als säße ich längst bei den Erwachsenen, er immer noch am Kindertisch.
Ein halbes Jahr also. Seine Schultern sind noch breiter geworden, sein Oberkörper sieht jetzt aus wie ein Dreieck, schade eigentlich, dass er nicht surft, die Haare an seinen Waden sind schockierend dick und dunkel, wenn er redet hat er die gleiche Stimme wie Papa. Er rasiert sich jetzt jeden Morgen. Meine Großeltern bieten ihm abends Bier an. Manchmal trinkt er auch Kaffee, aber mit viel Milch. Er hat eine feste Freundin.
Als er ankommt, geht er als erstes zu mir ins Zimmer und drückt mich, noch schlaftrunken. Er bleibt an der Bettkante sitzen und holt seine Kamera raus, um mir eine Foto zu zeigen, dass er morgens um halb fünf von sich am Flughafen gemacht hat, leider sieht man das landende Flugzeig hinter ihm nicht, es war zu schnell, er erzählt, was es im Flieger zu essen gab, von einem alten Ehepaar das neben ihm saß, von dem kleinen Junge eine Reihe vor ihm, der kurz vor der Landung aus dem Fenster auf ein weißes Dorf geguckt und zu seiner Mama gesagt hat: Guck mal, da unten liegt Schnee. Er sagt: Komm, lass uns schwimmen gehen. DAS soll mein Bruder sein? Beim Aufwärmen in der Sonne frage ich ihn (mutig, mutig) das Unvermeidliche: Und, wie lange seid ihr schon zusammen? Seit seinem Geburtstag im Mai. Ein Freund hat sie zur Party mitgebracht. Am nächsten Tag hat sie ihn über IM angeschrieben, sie haben sich verabredet. Tja, und dann waren sie halt zusammen. Sie hat ihm ein Lederarmband mit ihrem Initial geschenkt. Er holt ein Foto von ihr aus seiner Brieftasche, ein Computerausdruck, vier mal gefaltet, gibt es mir. Hübsch, oder? fragt er. Ja, sage ich, hübsch. Ich bin so stolz, als hätte ich selbst gerade meinen Freund aus der Brieftasche gezogen. Ich sage ihm das, genau so. Er lacht, ein bisschen beschämt, sehr vertraut. Das Lachen würde ich gerne in eine Tupperdose stecken, einfrieren und in ein paar Wochen, wenn er und ich so sind wie immer, auftauen.
Beim Ueberholen eines rostigen Mercedes mit Anhaenger auf der Autobahn.
A: Guckt euch DAS Auto an, das koennen nur Marokkaner sein.
I: Das Kennzeichen kommt aus Belgien.
A: Klar, belgische Marrokaner auf dem Weg nach Hause.
SZENE 1, auf einer spanischen Landstrasse.
A: Also bald muessen wir ein Restaurant finden. Die Kinder sind hungrig.
Zwei Enkel sind nicht hungrig.
A: Ich weiss genau das richtige Restaurant, wir sind auf dem Hinweg dran vorbei gefahren.
I: Da standen Picknicktische vor.
A: Spanier lieben Picknick.
I: Das kann kein Restaurant sein, wenn Picknicktische davor stehen.
A: Sonntags gehen die mit der ganzen Familie picknicken.
I: Ich haette einen Korb packen sollen.
Hinter der naechsten Kurve.
A: Da ist das Restaurant.
I: Picknicktische, sag ich doch, ab ich's nicht gesagt?
A: WAS?
I: PICKNICKTISCHE.
A: Jetzt gibt's Tapas!
A. faehrt auf den Parkplatz.
A: Also ich glaube hier kann man nur picknicken.
I: Da hinten ist die Kueche.
A: Die Spanier machen das gerne, Sonntags mit der ganzen Familie essen gehen.
I: Fahr doch mal ein Stueck zurueck.
A: Faehrt ein Stueck zurueck: Ich fahr jetzt ein Stueck zurueck.
Haelt vor einem Anbau, der eine Kueche sein koennte. Oder nicht.
I: Waren wir hier nicht schon mal?
A: WAS?
I: Wir waren schon mal hier, hier kann man nur picknicken.
Enkel 1: Ich geh jetzt raus.
A: Geh doch mal kurz raus.
I: Das hat sie doch gerade gesagt.
Enkel 1 geht raus, guckt: keine Kueche, man muss sein eigenes Essen mitbringen.
Enkel 1: Nur zum Picknicken.
A: Jaja, das wusste ich doch gleich. Bei den ganzen Picknicktischen
I: Hab ich dir doch gesagt (zu den Enkeln): Er hoert ja nie zu.
A: Die Spanier picknicken Sonntags so gern. Wusstet ihr das?
Enkel 1 wollte noch nie so sehr eine Zigarette wie jetzt. Enkel 2 stellt sich tot.
SZENE 2
Vor dem Fernseher. In einer Szene nimmt ein Mann einen Anruf entgegen.
Mann 1: Hallo.
Mann 2: Ich dachte, du hast den Handy vergessen.
Mann 1: Warum rufst du mich dann an?
Mann 2: Ich hatte vergessen, dass du's vergessen hast.
I (knufft A. in die Rippen): Guck, die fuehren die gleichen Gespraeche wie wir.
[Merke: Auf daenischen Tastaturen gibt es keine Umlaute, im Deutschen ziemlich viele]
Morgen kommt Mama fürs Wochenende. Sie kommt, weil sie sich selbst eingeladen hat. Irgendwann hat sie damit angefangen: Besuche einzufordern, mir ihre Besuche zu verordnen. Ist ganz angenehm so: ich habe ein weniger schlechtes Gewissen, weil wir uns nicht oft genug sehen. Und sie sieht ihre Tochter. Früher war das mal anders, da hat sie geschmollt, wenn ich mich nicht oft genug gemeldet habe, nicht oft genug vorbei gekommen bin. Ich wohnte ja nur 50 km weit weg. Das konnte sie nicht verstehen. Schmollen kann sie fantastisch gut: Sie zieht sich in sich zurück, wirft den Mutter-Blick, diese Mischung aus Anklage und Unverständnis, oder schweigt einfach, auch am Telefon. Es gibt nichts schlimmeres, als von der Mutter am Telefon angeschwiegen zu werden, wenn man am anderen Ende nur ein Seufzen hört. Ich mach's genau so, nicht bei ihr, bei anderen, keine Ahnung, ob es die gleiche Wirkung erziehlt wie bei mir: Trotz.
Wenn wir reden ist es immer das gleiche Spiel: Ich plapper rum, bin oft irgendwie unkonzentriert. Manche Dinge kann ich ihr immer noch nicht erzählen. Vielleicht weil ich jahrelang nie richtig mir ihr geredet hab, immer nur Oberflächlichkeiten, immer nur dies und das, Bruchstücke, mehr nicht. Ich habe wohl verlernt, mich jemandem anzuvertrauen, der mir doch eigentlich nah sein sollte. Vielleicht traue ich mich einfach nicht. Ich glaube, sie wartet, sie sitzt da und wartet, dass das Kind anfängt zu erzählen. Aber sie, und das lähmt mich so, sie erzählt auch nur nach dreimaligem Nachboren. Wie's ihr geht? Gut. Immer nur gut. Immer alles beim Alten. Ich weiß auch gar nicht, was ich erwarte: Dass sie mir sagt, dass es ihr schlecht geht? Mit ihr reden ist manchmal wie jemanden über einen Absprung wieder nach oben ziehen. Kostet Kraft, braucht Ausdauer und nach der Hälfte hat man keinen Bock mehr.
Jetzt kommt sie also. Es wird ihr nicht gefallen wie unaufgeräumt es in der Wohnung ist. Sie wird morgens vor mir aufwachen und sich so lange mit einer Tasse Tee in die Küche setzen, bis ich aufgewacht bin, und dann beleidigt sein, wenn ich verschlafe, wecken wird sie mich aber nicht. Wenn sie morgen am Bahnhof steht wird ihr Mantel zu ihrem Koffer passen. Sie wird ein bisschen grauer geworden sein. Und ich werde finden, dass sie sehr müde aussieht. Bis sie lacht.
Gestern hat sie mir noch erzählt, dass mein Bruder eine Freundin hat. Die erste, mit 18. Und ich hab gedacht: Wann ist er eigentlich erwachsen geworden? Wie konnte ich das verpassen? Vielleicht denkt sie genau das gleiche über mich.